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Fotografische Projekte und Installationen

Valérie Wagner - Diesseits

25. Juni 2005

Ich hatte die Ehre mit Valérie Wagner selbst , der Hamburger Fotokünstlerin hinter Diesseits, einige der Arbeiten im Hamburger öffentlichen Raum anzusehen und ihren Erfahrungen und Intentionen mit und hinter diesem Projekt zu lauschen. Diesseits ist eine Fotografischer Parcours im Rahmen der zuendegehenden Triennale der Photographie in Hamburg. Fotografie verlässt Galerien und Museen und geht in den öffentlichen Raum.

Diesseits zeigt Nonnen und Mönche in Hamburg. Diese geistlichen Menschen leben aber nicht, wie man meist glaubt in alten Klöstern ausserhalb Hamburg, sondern mitten in der Stadt. Es ist auch nicht die Intention der Künstlerin den Geistlichen zu zeigen, sondern den Mensch das Individuum. Durch die besondere Präsentation der Aufnahmen als Triptycha verhindert Valérie Wagner, das diese Menschen von engstirnigen Personen vorschnell in die klerikale Schublade gesteckt werden, ohne den Menschen überhaupt zu sehen. Jede Arbeit besteht aus drei einzelnen Elementen, ein Kopfportrait oder nur der Ausschnitt des Gesichts, wie nur ein Auge oder ein Ohr, bilden im oberen Bild den Anfang. Das mittlere Bild zeigt die Hände. Für dieses Element hat die Künstlerin die Porträtierten gebeten einen Gegenstand in der Hand zu halten, der ihnen persönlich wichtig ist. Sicher sind religiöse Gegenstände, wie die Bibel oder das Kreuz, wichtig im Leben dieser Menschen. Doch gerade diese Gegenstände wollte die Künstlerin vermeiden, um eben den Menschen und nicht den Geistlichen zu zeigen. So halten auf den Bilder die Menschen Gegenstände, wie ein kleines Stoffbärchen, der an eine verstorbene Freundin erinnert, oder einen Apfel, weil Äpfel die Lieblingsspeise sind, in den Händen. Die untere Teil der Triptycha zeigt die Füsse der Porträtierten. Die Füsse sind nackt und die Aufnahmen entstanden in der direkten Umgebung des Ortes, an dem die Nonnen und Mönche mitten in der Großstadt Hamburg leben und wirken. So steht zum Beispiel ein Mönch mit seinen blossen Füssen auf der Rolltreppe der U-Bahnstation Schlump. Die Wahl der Präsentation als Parcours an verschiedenen Gebäuden im Hamburger öffentlichen Raum traf die Künstlerin, um den Weg, der ein Teil des Lebens der Nonnen und Mönche ist, darzustellen. Bei der Wahl der Gebäude ging sie bewusst den Kontrast ein. So hängen zwei Bilder neben einem riesigen, schrillen Werbeplakat an der Hamburger St. Petri Kirche, ruhiges, bescheidenes Leben der Geistlichen im Kontrast zu Konsumterror und Überfluss, oder an der Hamburger Sparkasse, die harte Finanzwelt gegen das offenherzige und hilfsbereite Leben der Nonen und Mönche.

Ich war selten so gefesselt von den Arbeiten eines Projektes. Vor allem von den Geschichten hinter den Gegenstände in den Händen. Ein Mensch, der sonst seine persönlichen Gefühle hinter seine Aufgabe zurückstellt, öffnet ein Stück seines Inneren und zeigt sich als Mensch und nicht in erster Linie als Geistlicher.

Wer nicht mit der Künstlerin selbst unterwegs sein kann, finden die Geschichten im Katalog zur Serie. Zusätzlich findet sich im Katalog zu jeden Bild ein kurzes Statement des Porträtierten über seine Gedanken zum Projekt und was er oder sie während der Aufnahme empfunden hat. Schon das allein ist spannende, vor allem angesichts dessen, das diese Nonen und Mönche sonst nicht unbedingt als Fotomodelle wirken.

Ein guter Startpunkt für den Parcours ist die Hauptkirche St. Petri (für Nichthamburger und Besucher: Mönckebergstrasse, U-Bahn Station Rathaus). Dort kann in einem kleinen Shop der Katalog erworben werden. Weiter gibt es dort ein Faltblatt mit einem Verzeichnis aller Stationen in Hamburg. Für diejenige, die schlechter zu Fuss sind, hängen in der Kirche kleine Versionen aller Bilder. Wer in Hamburg ist, sollte sich unbedingt die Zeit nehmen den Parcours abzuschreiten und dabei die kurzen Text im Katalog zu lesen. Der Blick auf Nonen und Mönche ändert sich danach nachdrücklich. Zu sehen sind die Bilder noch bis zum 31. Juli.

Kommentare

Connie schrieb am 27. Juni 2005 um 06:58 Uhr:

Wie sehr ein Bild, das ohne Erklärung wahrgenommen wird, auch zu Fehlinterpretationen führen kann, sieht man bei dem Bild in der Hafencity:

ich hielt es für eine Studie über einen Kinderschänder, appelierend (die Hand mit dem Stofftier), aber unklar, an wen appellierend, da Kinder diese Botschaft ja wohl nicht verstünden

ich habs also auch nicht verstanden

matthias schrieb am 27. Juni 2005 um 19:25 Uhr:

Interessant ist, dass ich vor kurzem in einer kleineren Gruppe den Punkt der Fehlerinterpretation mit Frau Wagner, zwar nicht im Bezug auf Diesseits, diskutiert habe, das heisst muss der Betrachter durch entsprechende Texte in die richtige Denkrichtung “gezwungen” werden oder soll ein Bild ein Eigenleben entwickeln dürfen und es damit keine Fehlinterpretation gibt. Wobei sie ihre Bilder bewusst dieses Eigenleben entwickeln lässt und vom Betrachter fordert sich den Inhalt selbst zu erarbeiten.

Ich habe meine Meinung dazu in einem kurzen Artikel zusammengefasst.

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