Simplephotography

Kunst- und Fotogeschichte

Gezwungene Interpretation

27. Juni 2005

Gibt es überhaupt eine Fehlinterpretation oder stellt eine künstlerische Arbeit nur den Anstoss einer Diskussion zu einem Thema dar, in der der Künstler nur eine Meinung vertritt? Muss ein Künstler durch Bildbeschriftung und erklärende Texte den Betrachter in die richtige Denkrichtung “stossen” oder sogar “zwingen”? Wer in Ausstellungen sieht wie begierig manche Besucher die Text zu Anfang in sich aufsaugen, stellt sich die Frage warum sie genau dies tun, aus Angst vor einer eigenen Meinung oder aus Angst den Künstler durch eine andere Interpretation als er selbst zu beleidigen und zu verärgern oder weil eine andere Sichtweise, als die des Künstlers, schlichtweg nicht richtig ist. Schlimmstenfalls füllt sich der Betrachter als dumm, wenn er die Intention den Künstlers nicht erkannt hat. Genau hier stellt sich die obige Frage, ob es überhaupt die Intention den Künstlers ist, nur die eine absolute Interpretation zu transportieren oder, ob das Werk eben diesen Anlas zu Diskussion geben soll. Bevor sich der Betrachter auf die Suche nach der einzig richtigen Interpretation begibt und bevor andere diesen Betrachter für seien Interpretation kritisieren, sollt zunächst bedacht werden, welche Reaktion den Künstler bei seinen Betrachter bewirken wollte, nur die eine mögliche Interpretation oder die Diskussion.

Künstlerisches Arbeiten erhalten gerade durch die verschiedenen Interpretationsmöglichkeiten, auch meiner Meinung nach, ein interessantes Eigenleben durch die Diskussionen der Betrachter untereinander oder im Dialog mit dem Künstler. Ohne beschreibende Text muss sich der Betrachter den Inhalt erarbeiten und bekommt ihn nicht vorgekaut in mundgerechten Stücken serviert. Einen Anforderung, dass heisst das Erarbeiten der eigenen Meinung auf Basis der Werke, die der Künstler legitim an seine Betrachter stellen kann und die gerade die Fotografie und Kunst insgesamt spannend macht. Genau dies steht bei manchen Künstlern hinter der Veröffentlichung. Ein bewusstes Entlassen der eigenen Werke aus der Obhut des Studios in die Öffentlichkeit. Inklusive dem Bewusstsein, dass sie dort ein “Eigenleben” entwickeln und, um letztendlich auch Inspiration für neue Projekte aus diesem Eigenleben zu gewinnen.

Ich bin daher der Meinung, dass es darum eine Fehlinterpretation in der Fotografie nicht gibt, nur die verschiedenen Interpretationen der einzelnen Betrachter als eine Form der Diskussion. Sicher hängt es auch vom Künstler ab, ob der diese Diskussion eingeht. Die Aussage von Bilder ist letztendlich nicht eindeutig und klar definierbar. Erst, wenn sich des Textes als Form eine Krücke bedient wird, kann die Definition eindeutig kommuniziert werden. Was aber nicht heissen soll, dass Text künstlerisch höher steht als die Fotografie. Ganz im Gegenteil, beide Kunstformen lassen sich nicht miteinander substituieren und sollten auch nicht voneinander abhängig sein. Letztendlich geht es auch um Fotografie und nicht um Literatur, mal die Projekte ausgenommen, die gezielt an der Schnittstelle zwischen Literatur und Fotografie arbeiten. Das absolute richtige Interpretation gibt es daher nicht.

Kommentare

Connie schrieb am 27. Juni 2005 um 22:03 Uhr:

Nun, wenn das Bild rein künstlerisch gedacht ist, mag das so sein. Im Moment der Veröffentlichung entläßt der Künstler sein Werk, es hat nun sein Eigenleben und ein Zurückholen ist unschön, peinlich oder unangebracht. Meistens.

Es gibt aber auch die andere Seite, die der berichtenden oder beschreibenden Photographie. Da kommt es darauf an, mit welchem Wissen der Betrachter daher kommt. Mir ist es gerade passiert, daß mich ein Lehrer um die Nutzungserlaubnis meiner Photos aus Aserbeidschan bat. Ich habe keinerlei Photos aus Aserbeidschan. Ich habe aber explizit armenischen Inhalt auf etlichen meiner Seiten. Und es ist geradezu ein Schlag ins Auge, wenn ohne jedes Gespür für Geschichte, Krieg und Waffenstillstand jemand überhaupt nicht bemerkt, was er da falsch sieht oder nicht wahrnimmt (ich bin der Meinung, diese Bilder richtig in den armenischen Kontext gestellt zu haben). Mir hat dieses Vorkommnis sehr zu denken gegeben, ein Bild aus Armenien ist eben kein Bild aus Aserbeidschan, dazu ist zuviel Geschichte, Krieg und Leiden präsent als daß man das einfach verwechseln darf (oder falsch zuordnen darf).

Ich denke sehr darüber nach. Ich habe eben auch in letzter Zeit erlebt, daß Bilder ohne Zuordnungsmöglichkeit (ich meine nicht die gelenkte Interpretations-Einflüsterung) vollkommen das Gegenteil dessen “kommunizieren” als sie eigentlich darstellen.

matthias schrieb am 28. Juni 2005 um 21:36 Uhr:

Im Verhalten deines Lehrers zeigt sich deutlich ein Problem, das die Fotografie und die Kunst allgemein in der heutigen Zeit hat. Die Überflutung mit Bildern führt dazu, dass die Betrachter die Bilder nur noch “konsumieren”, anstatt sich die Bilder, wie vom Künstler gefordert, zu erarbeiten. Der Konsum und die Forderung nach Entertainment ist auch ein Grund, warum Ausstellungsbesucher Texte und Beschreibungen zu den Werken verlangen.

Mein Gedankengang zur Freiheit der Interpretation schliesst jedoch nicht ein, dass die Bilder losgelöst von ihrem historischen und politischen Kontext betrachtet werden. Genau hier lag der Fehler deines Lehrers. Das Wissen um den Kontext in dem die Bilder entstanden sind ist aber keine Vorgabe des Künstlers zur Interpretation seiner Werke, sondern ist allgemein gültig und somit keine Beeinflussung der Interpretation des Betrachters durch den Künstler auch, wenn der Künstler diese zu seinen Werken kommuniziert. Damit ist die Angabe solcher Information legitim.

Zum Punkt der beschreibenden Fotografie hast du Recht. Zum Zeitpunkt der Entstehung will die Dokumentationsfotografie nicht künstlerisch sein. Doch zeigt sich, dass solche dokumentarischen Werke mit der Zeit in die künstlerische Richtung driften. So zum Beispiel die aktuelle Ausstellung von Martin Munkácsi in Hamburg. Munkácsi sah sich selbst nie als Künstler, sondern, ebenso wie zum Beispiel Henry Cartier Bresson, als Handwerke und doch sind die Arbeiten der beiden inzwischen Gegenstand künstlerischer Betrachtungen. Sie werden nicht mehr in Zeitschriften gedruckt, sondern hängen in Museen.

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