19. November 2006
Wenn im September hierzulande schon die ersten Weihnachtsartikeln in den Länden stehen und sich mit den näherrückenden Weihnachtstagen immer mehr Menschen durch die Innenstädte schieben, wird eines anschaulich. Die immense Auswahl unter der wir entscheiden können, der fast schon unüberwindbare Überfluss. Barry Schwarz schreibe in seinem Buch ”The Paradox of Choice”:
“As a society, we have achieved what our ancestors could, at most, only dream about, but it has come at a great price. We get what we say we want, only to discover that what we want doesn’t satisfy us to the degree that we expect.”
2001 forderte die Regierung der USA die Bürger auf, durch Konsum die Wirtschaft zu stärken und so ihren Patriotismus zu zeigen. Der amerikanisch Fotograf Brian Ulrich hat diese Aufforderung mit seiner Langzeit Fotostudie ”Copia” (Projects → Photographs → Copia) aufgenommen. Weniger im Sinne der US Regierung, als vielmehr in die Richtung von Barry Schwarz, zeigt er in seinen Arbeiten die Formen und Komplexität der konsumorientierten Welt in der wir leben.
Motive bieten dem Künstler Supermärkte und Discounter in den USA. Dabei verzichtete er bewusst drauf den Überfluss in abstossenden Bilder zu visualisieren. Vielmehr bringt er den Betrachter durch seinen Stil zwischen Fine Art und Dokumentation dazu, sich selbst in den Sujets der Aufnahmen zu sehen. So steht der Betrachter während des Ansehens der Aufnahmen selbst in Gedanken im Stammsupermarkt.
Zu keiner Zeit erlaubt Brian Ulrich das Entziehen aus der eignen Identifikation und Erkenntnis. Zu sehr stellt jede Fotografie Menschen wie du und ich, sowie Situationen in denen sich jeder während eines Einkaufs befindet, dar - Alles ist zu normal für die Flucht, selbst der Fluchtversuch eines Europäers in Form des verächtlichen Blicks in die USA ist kaum möglich. Auch, wenn die Idee des Projekts aus der etwas verschobenen Patriotismusaufforderung der US Regierung kam.
Doch wird dem Betrachter nur durch den neuen Blick von aussen der Überfluss im den selbst besuchten Läden bewusster. Das diese Erkenntnis womöglich nur der Blick von aussen erlaubt, zeigt sich ebenso in der Stimmung der Sujets. Die meisten wirken gelangweilt, wie viele während des Einkaufs, ohne überwältigt oder nachdenklich angesichts des Angebots zu sein - Nichts daran ist für keinen spektakulär. Wir sind durch durch das kontinuierliche Wachsen bis zum jetzigen Zeitpunkt abgestumpft. Den Blick auf den nächsten Einkauf werden die Arbeiten von Brian Ulrich verändern.
Alle Bilder mit freundlicher Genehmigung der Künstlers.
tim schrieb am 20. November 2006 um 12:50 Uhr:
Hah - dieser Blog lebt ja wieder… Freut mich, dass du nach der längeren “Kreativpause” wieder am bloggen bist.
Mirko schrieb am 20. November 2006 um 13:32 Uhr:
Ja da freuen wir uns doch! Die Innenstädte werden auch bei uns immer voller. Schrecklich!
Gruß Mirko
matthias schrieb am 20. November 2006 um 19:45 Uhr:
Auch, wenn ich die Kreativpause nicht bewusste genommen habe, ich hatte einfach zu viel um die Ohren, hat sie mir doch gut getan und neuen Elan gegeben. Gepaart mit einer neuen Herangehensweise werde ich nun wieder öfters schreiben.
Besonders schön finde ich, dass mir viel meiner Leser treu geblieben sind. Von vielen Seiten höre ich: “Da bist du ja wieder” oder “Dich gibt es ja auch noch”.
Danke euch allen.
peter schrieb am 29. November 2006 um 11:47 Uhr:
Schön das mal jemand Brian Ulrich promotet. So richtig wird er in Deutschland noch nicht wahrgenommen, glaube ich. Für mich definitiv einer der zur Zeit interessantesten US-Fotografen.
kho schrieb am 29. November 2006 um 16:57 Uhr:
Ich kann mich den Vorschreibern nur anschliessen… in der Tat, schön, wieder bei dir zu lesen!!
Mich würde interessieren, was du mit neuer Herangehensweise meinst…
Liebe Grüsse, kho
Matthias schrieb am 04. Dezember 2006 um 16:43 Uhr:
Hallo kho,
das ist eigentlich weniger spannend, als es klingt und wird von draußen kaum sichtbar sein.
Ich werde keine große Liste mit Artikelideen mehr führen. Die wurde meist schneller länger, als ich sie abarbeiten konnte. Wenn ich einen interessanten Fotografen gefunden habe, fokussiere ich mich auf den Artikel und was mir ganz wichtig ist: Ich versuche mit ihm in Gespräch zu kommen. Einmal für eine Erlaubnis Bilder zum Artikel veröffentlichen zu dürfen und natürlich über die Arbeit des Künstlers selbst. Nachdem der Artikel geschrieben ist, geht es auf die Suche nach Neuem. So werde ich nicht ständig von der ellenlangen Artikelideenliste mahnend angesehen, wenn mal, wie die letzten Tage, kein Zeit zum bloggen bleibt.
Gruss
Matthias
kho schrieb am 05. Dezember 2006 um 08:13 Uhr:
Hallo Matthias,
die “mahnende” Liste der Artikelideen… kann ich sehr gut nachvollziehen… denn die Flut hat ja auch den unangenehmen Effekt eines Aufmerksamkeitsdefizits, bermerke ich an mir. Viele Dinge, Themen werden nur noch “gescannt”, gestrefit und sehr oberflächlich wahrgenommen.
Fokussierung, Konzentration auf ein Thema. Das macht auch die Qualität deiner Beiträge aus, schon heute.
Liebe Grüsse, kho