06. Februar 2005
Die Camera obscura ist ein Vorläufer der Fotografie. Noch bevor Methoden entdeckt wurde, mit Silber lichtempfindliche Materialien herzustellen, nutzen Künstler das Phänomen der Lochkamera, um Bilder möglichst real nachzuzeichnen. Trotz aller modernen Digitalfotografie geht gerade von der alten Methoden der Lochkamera für Fotografen eine gewisse Faszination aus.
Im Grunde basiert die Fotografie in ihren Motiven auf der Realität. Auch, wenn die Wirkung, die die Werke später beim Betrachter erzielen, durch geschickte Bildgestaltung vom realen Motiv weit entfernt sein können, so bleibt das eigentliche Motive doch ein reales Objekt. Eben hier setzt Abelardo Morell, Professor für Fotografie am Massachusetts College of Art, mit seiner Arbeit ”Camera obscura” an. Jedoch benutzt er die Camera obscura nicht als Aufnahmegerät, sondern in ihrem klassischen Anwendungsgebiet der Projektion. Er projiziert dabei die Umgebung ausserhalb eines Hauses vollflächig in einen Raum, ohne Leinwände zu verwenden oder den Raum speziell dafür vorzubereiten. Die Räume blieben so wie sie sind. Diese Installation hielt er normal auf schwarz/weiss Aufnahmen fest.
Das interessante dabei ist die Kombination aus quasi zwei Motiven oder besser zwei Realitäten, die ausserhalb und die innerhalb des Raum, in einer Arbeit. Die realistische Abbildung zwei fotografischer Methoden in eine verbunden ergibt mehr als die simple Addition. Die normale Kamera bildet den Raum ab und die Camera obscura projiziert die Umgebung in das Bild des Raum. Die scheinbar feststehenden Genzen der Räume, die die Fotografie oft limitierten, lösen sich plötzlich auf. Beide Räume oder Realitäten lassen sich nur durch genaues hinsehen trennen oder sind so ineinander verschmolzen, dass gar keine Trennung mehr erkennbar ist.
01. Februar 2005
”The Untitled Project” versucht die Wirkung urbaner Kommunikation zu ergründen, das Zusammenspiel zwischen textlicher und visueller Kommunikation. Welche Rolle Spiel Text in der modernen Welt?
Dazu hat Matt Siber aus seinen Fotografien urbaner Motive die Texte komplett entfernt und getrennt, aber in der gleichen Typografie und im gleichen Grössenverhältnis zueinander, daneben auf eine leere Fläche eingefügt. Die Rolle der Schriftzüge zeigt sich erst durch ihr Fehlen, die Fotografien wirken zunächst unnatürlich. Wer den Hintergrund des Projekts nicht kennt und nur die Bilder alleine betrachten, dem fällt erst beim zweiten Blick auf, was fehlt und die Bilder so erscheinen lässt. Trotzdem können viele der Elemente in den Motiven eingeordnet werden und wirken auch ohne Text. So zeigt sich, wie neben Text, oft unbemerkt, auch über Farben, Symbole und Architektur kommuniziert wird. Für Werbestratege sich interessant aber für Fotografen noch viel interessanter, wie ein Motiv auf einer Fotografie rein durch seine äussere Form und Beschaffenheit wirkt und wirken kann. Der Text allein wirkt kaum in der getrennten Form. Welche starke Rolle diese Aspekte in der Bildgestaltung habe. Genug, um sie bei zukünftigen Arbeiten noch stärken zu beachten. Auch, wenn die Schriftzüge das Bild erst vollständig und “normal” scheinen lassen, so sind sie doch auf den meisten Fotografien kaum zu erkennen, nicht nur in denen dieses Projekts. Wer die Schrift auf den getrennten Textobjekten des Projekt versucht zu lesen, wird nicht viel erkennen können. Er geht mir dabei rein um die Textwirkung auf der fertigen Fotografie nicht auf die Wirkung oder Lesbarkeit während des Aufenthalts am Aufnahmestandort. Dort sind sie sicher erkennbar. In der späteren Fotografie bleiben nur wenige übrig. Unter diesem Gesichtspunkt scheint die Form und Beschaffenheit noch wichtiger für die Bildkomposition.
27. Januar 2005
Mike Mike, ein Fotograf aus Südafrika, der zur Zeit in Istanbul arbeitet, hat alle politischen und ökonomischen Aspekte der Globalisierung aussen vor gelassen und sich mit einem anderen Punkt beschäftigt. Wie bei einem Fotografen zu erwarten war, dreht sich dieser Punkt um das rein Visuelle.
Die Globalisierung führt dazu, dass sich überall in den Metropolen der Welt verschiedenste Bevölkerungsgruppen mischen. Durch seine Geburtsstadt Kapstadt war Mike Mike diese Mischung stets bewusst. Den eigentlichen Anstoss für ”The Face of Tomorrow” gab ihm eine Fahrt in der Londoner U-Bahn, während dieser Fahrt waren mit ihm noch Menschen unterschiedlichster Nationalitäten unterwegs. Alle diese Nationalitäten sind Teil der Metropole. So ergab sich für Mike Mike die Frage: Was ist ein Londoner und wie sieht ein Londoner in zehn Jahren aus? Für das komplette Projekt hat er diese Fragestellung noch auf weitere Metropolen ausgeweitet. Klar die Traditionalisten werden immer der Meinung sein, dass ein echter Londoner oder Hamburg oder Römer oder ..., nur einer ist, dessen Eltern, Grosseltern,… schon dort geboren sind. Aber was ist wirklich in Zehn Jahren, wenn sich alle Bevölkerungsgruppen durchmischt habe, wenn es die, deren Vorfahren schon in der Stadt lebten nicht mehr gibt? “The Face of Tomorrow” oder besser die beiden, ein mänliches und ein weibliches, enstanden durch eine Art Überlageruns- und Morphingtechnik. Aus hundert Porträts von Menschen aus der jeweiligen Stadt wurden die beiden Faces of Tomorrow berechnet oder wie könnte es Aussehen, wenn sich eben diese Bevölkerungsgruppen gemischt haben.
Eine hochspannende Frage und ein nicht weniger spannender Ansatz diese Frage zu erröten. Noch viel interessanter wird das Projekt vor dem Hintergrund, dass es unter einer Art offenen Lizenz veröffentlicht wurde oder besser die Idee dahinter. Jeder der will und genügend Zeit aufbringen kann, kann seine eigene Stadt in “The Face of Tomorrow” einbringen. Dazu müssen 100 Fotografien von Einwohnern der Stadt an Mike Mike gesandt werden, der aus diesen ein “Face of Tomorrow” der Stadt berechnet. Um einen Qualitätsstandard zu halten, hat er Richtlinien veröffentlich, wie diese Fotografien geartet sein müssen, auch vor dem rechtlichen Hintergrund der Veröffentlichung. Ein einfaches Loslaufen und wildes Leute knipsen ist “zum Glück” nicht der Weg, der für das Ausgangsmaterial gegangen werden kann. Vielleicht lässt sich sogar ein Team für Hamburg zusammenbekommen. Wer hat Lust und Zeit?
19. Januar 2005
Was denken Menschen auf der Strasse? Dieser Frage ist der Däne Simon Høgsberg nachgegangen. Sein Projekt ”The Thought Project” ist nur am Rande ein Fotoprojekt. Während 3 Monaten hat er auf der Strasse in Kopenhagen und New York 150 fremde Leute angehalten und gefragt, was sie in der Sekunde gedacht habe, bevor er sie angehalten hat. Zusätzlich hat er von jedem ein Foto aufgenommen. 55 davon zeigt er mit ihren Gedanken in “The Thought Project”. Bewundernswert ist neben dem Mut von Simon wildfremde Leute anzusprechen und diese ziemliche persönliche Frage zu stellen, die Bereitschaft seiner Gesprächspartner ehrlich und authentisch zu erzählen. Ich finde das Besondere an diesem Projekt ist, dass jeder sich selbst wiederkennt, um ähnliche Themen drehen sich die eigenen Gedanken auf dem Weg irgendwohin. Von tiefgründigen Themen, wie Religion, bis hin zu Trivialitäten, wie welchen Pappkarton soll ich kaufen oder wo verbringe ich die Zeit bis zum nächsten Termin. Auch, wenn es im Schwerpunkt kein Fotoprojekt ist, so geben die Fotografien den Aussagen ein Gesicht.
16. Januar 2005
Greg von ”The man who fall a sleep” hat die Menschen aus Bilder digital entfernt und durch Zeichnungen derselben ersetzt. Gleichzeitig hat er zu den Bildern einen interessanten Kommentar abgegeben, der einem zu Denken gibt. Er findet seine Idee und die Ausführung eigentlich ziemlich einfach und wenig innovativ:
...anyone can trace a drawing
Jeder, der einigermaßen zeichnen kann, hätte die gleichen Bilder veröffentlichen können. Aber, wie er schreibt, er hat es getan. Die anderen sitzen nur zuhause herum und tun es nicht, kommentiert er ziemlich provokant:
You’re sitting and doing nothing
Ich fühle mich im Moment voll angesprochen. In meinem Kopf spuken tausende Ideen für fotografische Projekte herum, aber bei keinem habe ich so richtig mit der Umsetzung angefangen. Warum?—Keine Zeit, keine Lust, keine Motivation, eigentlich ist es keiner der Gründe. Es gibt eigentlich keinen und wir Amateure habe noch nicht mal den Zwang irgend eines Auftraggebers. Man muss sich nur aufrütteln es endlich zu tun—Einfache Ideen einfach umsetzen. Ich selbst muss zugeben, dass ich oft einen zu hohen Anspruch an mich selbst habe und so oft Projekte verwerfe oder nicht veröffentliche. Im Grunde Blödsinn und, wenn ich Gregs Kommentare lese, kommt mir das noch mehr so vor.
Der Kunstgedanke dahinter: Darüber ist sich Greg selbst nicht im klaren. Vielleicht drücken die Bilder den Wunsch von jedem aus, sich selbst aus der Realität zu entfernen und durch fiktionale, selbsterfundene Visionen von uns selbst zu ersetzen, so schreibt er. Sicher ist er jedoch darüber, dass er zufällige, fast triviale Bilder von Freunden und Familie so aus Versehen in Kunst verwandelt hat. Die Entschuldigung dafür schiebt er gleich hinterher.
10. Januar 2005
Was entsteht, wenn man eine Wegwerfkamera auf einen Karton klebt, alles das nett beschriftet, mit eine Anleitung versieht und per Post verschickt? Es entsteht Camera Mail. Immer noch nicht ganz klar? Das Paket oder die Camera Mail geht auf ihre Reise und mit der Beschriftung werden die Mitarbeiter der Post oder des Paketdienstes gebeten/ überredet ein Foto zu machen, wenn sie die Sendung in die Finger bekommen. Die Idee dazu hatten die beiden Künstler Daniel Farrell und Richard Kegler von P22. Für ihr Projekt Mail Art habe sie sich mehrere, teilweise sehr aussergwöhnliche, Sendungen gegenseitig zugeschickt. Leider habe sie keine Bilder der Camera Mail veröffentlicht.
Kyle hat die Idee aufgegriffen und mehrere Camera Mails versandt. Er zeigt auch die Ergebnisse in einer Galerie. Für Alle, die selbst eine Camera Mail verschicken wollen, hat er seine Erfahrungen zum Bau in einer Tipps Seite zusammengefasst.
Eine tolle Idee zu sehen, wie sich wildfremde Postmitarbeiter mit einer wildfremden Sendung dazu hinreißen lassen darauf los zu fotografieren, obwohl man im ersten Moment denkt, dass da nie jemand ein Bild aufnehmen wird. Das einige dabei ihren Spaß hatten, kann man an manchen Fotos sehen. Mir schießt im Moment der Gedanke durch den Kopf, wie wohl der pflichtbewusste deutsche Postler mit so etwas verfahren wird, ob überhaupt jemand ein Bild macht? Da hilft wohl nur ein Selbsttest, also wird sich demnächst eine Camera Mail auf den Weg durch Deutschland machen.
10. Januar 2005
Eye of science — Auge der Wissenschaft ist eine Online Galerie, leider nicht direkt verlinkbar, mit tiefen Einblicken in Bakterien, Kristallen, Botanik und vieles mehr. Die Mikroskop- und Makrofotografien entführen in eine Welt, die eher der Fantasie und Kreativität eines 3D Designers entsprungen zu sein scheint, jedoch sind alle Motive Teile der Welt, die uns umgibt auch, wenn sie dem natürlichen Auge meist verschlossen bliebt. Genau diese Welt zeigt Eye of science, alles schön und schlicht präsentiert. Der Fokus liegt klar auf der Ästhetik der bizarren Farben und Formen und weniger auf den wissenschaftlichen Aspekten dahinter. Wer sich eines der Bilder an die heimische Wand hängen möchte, kann sie auch als Poster erwerben. Schöne Bilder, eindrucksvoll präsentiert.
29. Dezember 2004
Vom 7. bis zum 20. Januar zeigt das Internationale Haus der Photographie in den nördlichen Deichtorhallen in Hamburg die Fotografien der Gewinner des Wettbewerbs ”gute aussichten - junge deutsche fotografie 2004/2005”.
Josefine Raab hat den bundesdeutschen Hochschulwettbewerb für Studienabgänger des Fachbereichs Fotografie ins Leben gerufen und als Kuratorin begleitet. Ihrer Meinung nach gibt es genug Ideen für die Förderung junger Künstler, es mangle jedoch ein einem kompletten und nachhaltigem Konzept. So wuchst “gute aussichten” mit der Zeit über ein reines Ausstellungskonzept hinaus. Unter dem Motto “gross denken klein anfangen” entstand die Idee für “gute aussichten”. Das Ende des Studium ist, wie sie selbst schreibt, der:
geeigneter Zeitpunkt, das zeigen zu können, was an kreativem Potenzial in jungen Menschen steckt, bevor es möglicherweise in den Anforderungen des Alltags versickert.
Die Idee wurde dadurch bestätigt, daß 60 Arbeiten von 22 Hochschulen und Akademien eingereicht wurden. Aus diesen Einsendungen hat die Jury, die neben Josefine Raab aus Andreas Gursky und Mario Lombardo bestand, die 10 Gewinner mit insgesamt 119 Einzelarbeiten ausgewählt, die in der Ausstellung gezeigt werden.
Das angestrebte integrierte Konzept erstreckt sich auch über die Kanäle durch die die Arbeiten der Gewinner der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Neben der Ausstellung wird ein Buch bei BoD erscheinen, weiterhin sind alle Bilder in einer Online Galerie zugänglich. Zusätzlich zu den Bilder stehen eine komplette Vita jedes Gewinners und das Konzept der Arbeiten online zur Verfügung.
Wer bei den Worten “junge Künstler” jetzt schräge und schockierende Bilder erwartet, wird enttäuscht. Die Arbeiten sind eher von Stille geprägt. Diese Stille ist besonders in der Werken von Monika Czosnowska, die junge geistliche Novizen porträtiert hat, zu sehen. Bianca Gutberlet zeigt das Schlaraffenland in einem realistischen, alltäglichen Kontext. Sie hat das Schlaraffenland, als unerreichbaren Traum der Menschen, nicht mit Bildern aus der High Society dargestellt, sondern mit ganz alltäglichen Orten, die eigentlich von jedem erreichbar sind, aber nie, obwohl sie es im Grunde sind, als Schlaraffenland gesehen werden. Ich habe hier nur symbolisch zwei der Künstler kurz angesprochen, aber auch die Anderen sind nicht minder sehenswert, entweder in der Ausstellung oder in der Online Galerie.
(Foto: Jochen Ruderer, www.guteaussichten.org)
13. Dezember 2004
...an unusual example of art driving science rather than the other way around (Benjamin Donaldson)
Für Cillford Ross waren normale 35mm Fotos nicht gut genug, um seinen Eindruck vom Mt. Sopris in Colorado, mit seinen schneebedeckten Spitzen und den Wiesen die ihn umgegeben, festzuhalten. Die Ergebnisse entsprachen seiner Meinung nach nicht dem majestätischen Eindruck, den er hatte, als er selbst vor dem Berg stand. Also zog er sich in sein Kämmerlein zurück, um eine Kamera zu entwickeln, die diesem Anspruch gerecht wird. Das Ergebnis ist die R1, ein 45kg schweres und 3m hohes Kameramonster. Die verwendeten Filme haben eine Grösse von 23cm x 46cm. Die Auflösung ist derart gut, dass Details des 11km entfernten Gipfels ebenso scharf abgebildet werden, wie 30m entfernte einzelne Grashalme oder ein 50m entfernter Vogel im Gras. Jeder, der selbst schonmal solche Landschaftsaufnahmen versucht hat, weiß was das bedeutet. Das Bild präsentiert er auf seiner Website, wer sieht, mit welchen Detailreichtum ein Miniausschnitt daraus vergrößert werden kann ist sprachlos. Das Filmmaterial muss speziell entwickelt werden und gescannt ergibt sich eine Auflösung von 2.6 Gigapixel.
Cillford Ross, eigentlich Künstler und Maler, betont selbst, dass er kein Techniker und Entwickler ist. Er sagt selbst:
I’m doing this because I want to make a piece of art.
Eine perfekte Aufforderung selbst mit dem Experimentieren zu beginnen, es muss ja nicht gleich ein Projekt, wie die R1 sein. Die Anforderung, für solche Dinge Techniker sein zu müssen, hat Clifford Ross wohl gänzlich entkräftet. Für Menschen mit Technikerblut hat er ein paar Bilder aus der Werkstatt, sowie ein Making of veröffentlicht.
24. November 2004
Über Nokias Fonetography habe ich bereits berichtet. Wie im Artikel schon gesagt, sind die Beispielbilder auf der zugehörigen Seite sehr klein. Jetzt ist Stern Online in die Presche gesprungen, in der Galerie dort sind die Bilder deutlich größer. Es ist schon erstaunlich, welche Qualität die Handybilder inzwischen liefern können, von undefinierbaren Pixelhaufen hin zu ganz brauchbaren Bildern. Zusammen mit dem “Immerdabei” Faktor der Handys ergeben sich ganz neue kreative Perspektiven.